Zugehört: Weltweit mehr vorzeitige Todesfälle als Todesfälle…

Die Tagesschau vermeldet unter Berufung auf eine Gruppe internationaler (mit besonderer Betonung und dem entsprechend staatstragenden Nachdruck gesprochen) Wissenschaftler aus dem Fachmagazin “The Lancet” :

“Die Zahl ist alarmierend: 9 Millionen Tote durch Umweltverschmutzung im Jahr!” Jeder 6. vorzeitige Todesfall weltweit, sei auf die verschmutzte Umwelt zurück zu führen.

Wenn 9 Mio also jeder 6. der vorzeitigen Todesfälle war, gab es insgesamt 9 * 6 = 54 Mio vorzeitige Todesfälle.

Das ist erstaunlich denn im Jahr 2015 gab es lt 52 Mio. Todesfälle insgesamt.

Es scheint als glaube die Tagesschau das mehr Menschen vorzeitig ableben als überhaupt in einem Jahr auf dem Planeten sterben.

Im Original des Lancet Artikels, den ein Leitmedium wie die Tagesschau (oder sollte man sagen Führungsmedium) wohl lesen zu lassen nicht für nötig befunden haben, steht ganz lapidar: Diseases caused by pollution were responsible for an estimated 9 million premature deaths in 2015—16% of all deaths worldwide.

Die Aussage an sich ist hier schlüssig. Außer man begibt sich in die Untiefen der Definition von “premature”, unter die – soweit der Artikel betroffen ist, auch die Todesfälle von hochbetagten fallen, die das 80. Lebensjahr bereits vollendet haben. Aber das ist eine andere Geschichte.

Es folgen in der Tagesschau Bilder aus Hamburg und durch Dunst aufgenommenen luftverschmutzend aussehenden Kreuzfahrtschiffen und Kraftfahrzeugen.

Advertisements

Sternstunden des Parlaments – Gedenkstunde für H. Kohl

akten

Na ja – Sternminuten – waren das! Die alte Bundesrepublik – mit ihrer jedem Pathos abholden Wurstigkeit – ließ einmal noch den Geruch des rheinischen Bürostaubs durch den Reichs-Tag (!!!) wehen. Es waren wohl nicht einmal Leitz-Ordner, die da in ihrer gestapelt plastik-blauen Tristesse hinter Lammert lagen, sondern bloße Billigware von der Resterampe der Discounter.

Und was für eine feine Ironie der Geschichte, die dies dem Mann antat, der immer so eifrig den Zipfel ihrs wehenden Mantels halten wollte. Eine wirklich kongeniale Würdigung. Hoch lebe die Bundesrepublik Deutschland!

adler

Sascha Lobo analysiert AfD Blog – nicht wirklich…

Lieber Sascha,

Dein Artikel über den AfD Leak (Twitter: ) (der hier down zu loaden ist, was Du den Lesern nicht mit teilst) fing ja wirklich gut an: Quantitativ unterfütterte Statements. Counts von Emoticons, Bemerkungen zur ungewöhnlich häufigen Verwendung der selben im Erwachsenen Diskurs, Super!!!! Aber leider verließen dich dann die Kräfte…

Hier die Anzahl der von Dir benutzten (Anekdotischen) Belege pro These:

Streit und Intrigen in der AfD: 5 Belege
Diskussionen über die Presse samt Außenwirkung: 8 Belege
Kriminalität und die Sorge um “unsere Frauen und Kinder”: 8 Belege
Verschwörungen und Opferpose: 7 Belege
Untergangs- und Abstiegsfantasien: 10 Belege

Für den Rest verlangst Du, das die Leserin Dir vertraut. Die Leserin aber findet Kontrolle besser und guckt selber nach. Natürlich macht sie es sich einfach und checkt nur die von Dir als Einzelzitat gekennzeichneten Begriffe “Frauenverteilung” und “Migrationswaffe” (!!Krasses Zeug!! wie man so sagt…)

Und dann leistest Du Dir den bösen Schnitzer, das Du “Frauenverteilung” (von der Du sagst, daß die Teilnehmer des der WA Gruppe sie befürchteten) in Anführungszeichen setzt, und damit als authentisches Zitat kennzeichnest. In der vorliegenden Version des WA Gruppen Mitschnitts (s.o.) kommt dieser Begriff aber nicht vor…

Bei dem Zweiten von Dir genutzten Einzelbegriff (so etwas ist für den Zitateanalysierer immer verdächtig…) “Migrationswaffe” gibt es im Leaktext zwei Fundstellen im Zusammenhang mit dem türkischen Präsidenten Erdogan. Dummer Weise ist Erdogan jedoch tatsächlich der Überzeugung, das die demographische Komponente ein legitimes Mittel der Politik und der Einflussnahme auf europäischen Gesellschaften sei. Zitat: “Macht nicht drei, sondern fünf Kinder”, (Erdogan am Freitag, dem 17.03.2017 bei einer Wahlkampfveranstaltung im westtürkischen Eskisehir gerichtet an die Auslandstürken, Quelle DPA). Da ist deine Verwendung der Anführungszeichen nun – sagen wir mal “irreführend”. Auf jeden Fall verwendest Du den Begriff in einem anderen Kontext. Nicht gut. Dann die Leserin fühlt die Absicht und ist verstimmt…

Andere Menschen, die das Problem hatten, das Du hast, als sie sich 800000 Zeichen-Text gegenüber sahen, organisierten eine valide qualitative Analyse (Grounded Theory ist hier das Google Suchwort) des Textes. Sollte Dir doch nicht so schwer fallen die Leute dafür zu organisieren. Die Methode kennst Du als Psychologe auch. Also bitte: Keine Halben Sachen machen und damit Angriffsfläche bieten. Ich bin mir sicher das in den 80000 Wörtern genug belegbarer, guter Stoff ist, um diese Leute als das zu zeigen was sie sind. Und das reicht dann völlig.

“Programmieren lernen” für das Pack

Sascha Lobo schreibt Programmieren lernen hilft nicht

Die Bildung der Eliten hat sich immer an einem einzigen Leitbild orientiert: Der Einheit der Wissenschaften und Künste. Daher wird man es an den elitären Einrichtungen der Bildung weiter verstehen neue Entwicklungen wie die angewandte diskrete Mathematik (aka Informatik) in den existierenden Fächer- und Themenkanon einzubetten. Es wäre vielleicht angebracht, die entsprechenden Fächer (Mathematik, Deutsch, Physik, Geschichte), die auf die Nutzung der formalen und natürlich-sprachlichen Systeme am besten vorbereiten, deutlich auszuweiten und obsolete Investitionen von wertvoller Lernzeit in alle möglichen Fremdsprachen (Französisch! Chinesisch! Spanisch! Arabisch! etc. etc.) neu zu justieren, aber im Prinzip bleibt es alles bei der normalen “Kanon-Überarbeitung” der Bildungseliten, die ein dauerhafter und anhaltender Prozeß ist.

Auch hier wird das gute 500 Jahre alte “Ad fontes” erfolgreich sein, in dem man die Schüler den kulturellen Entdeckungsprozess in einem individuellen Bildungsprozess nachvollziehen lässt. Die Quellen sind vielfältig und interessant (Euklid, Lovelance, Leibnitz, Bayes (-> Google!), Turing, von Neumann, Wiener etc. etc.). Und das interessante: Das wird sogar schon getan! An öffentlich finanzierten Schulen – Die allerdings die Freiheit bekommen, die Schüler selbst auszuwählen die Stundentafel in der o.g. Richtung zu verschieben.

Das man gleichzeitig die Nicht-Elite mit anwendungsorientierter “Schulung” statt mit Bildung abspeist, entspricht ja dem traditionellen Programm der “Bildungspolitik”, die selbst nur existiert, um diese soziale Differenzierung aufrecht zu erhalten und dies seit Jahrhunderten selbst nicht begreifen will. Zumal Ihre Akteure heute ja selber schon das Produkt ideologisch ähnlich verknappter Schulungsgänge in den 70er Jahren sind, was unter anderem die mangelnde Kritikfähigkeit der Öffentlichkeit in den letzten Jahren erklärt.

Also lieber Sascha: “Programmieren lernen” und “Informatik lernen” ist so wie der Unterschied zwischen “Bewerbungsanschreiben formulieren” und “Bewerber selektieren”. Das weißt Du ja eigentlich auch. Warum also schreibst Du es dann nicht?

Wenn dagegen Frau Merkel das “Programmieren lernen” für das Volk fordert, kann man daraus zwei mögliche Schlüsse ableiten: (1) Ihre Intelligenz und Problemanalyse werden überschätzt oder (2) Sie möchte gerne das Programm der sozialen Segregation, das in der Gesamtschule (a.k.a.: Volksschule 2.0) seinen besten Ausdruck gefunden hat, gerne auch im 21. Jahrhundert weiterführen.

Ich denke beides trifft zu.

“Rechercheverbund Technik” weint in der FAZ Krokodiestränen

bildschirmfoto-2016-11-01-um-21-43-31

FAZ – Die Spionin die Euch liebt: Na da schauen wir doch mal auf der FAZ Landingpage nach…
..ach ja, heute sind es 324 Requests, die ausgeführt werden um Euren Content zu zeigen. Davon werden 223 an Server der FAZ-Domains geschickt. 101 läßt die FAZ meinen Browser an andere Server richten. Davon 35 aus dem Google Universum. Zum Teil mit umfangreichen Parameterlisten in denen wer weiß was über mich steht. Was Ihr halt so Euren Partnern mitteilen wollt. Hier eine kleine Auswahl der anderen “Geschäftspartner” der FAZ im Bereich des Datenaustauschs: plista.com, googleadservices, xplosion.de, doubleclick.net, yieldlab.net, chartbeat.com, emetriq.de, adrtx.net etc. etc. Liebe Leute – niemand nimmt Euch das übel, aber bitte verschont die Welt dann mit dieser Art von Krokodilstränen. Und merkt Euch bitte – ob Ihr diesen Leserbrief jetzt veröffentlicht oder nicht – auf der anderen Seite Eures Redaktionssystems sitzen aufgeklärte Leserinnen.

P.S.: Und bitte, bitte schreibt nie mehr über “100 Zugriffe von anderen Internet-Servern auf den Browser des Nutzers”. Das ist nur peinlich.

Herr Augstein fragt – die Leserin Antwortet

Herr Augstein, der bekannte Talkshowgast, stellte in seiner unlängst veröffentlichten Kolumne “Im Zweifel Links”, die auf der Website des von seinem gesetzlichen Vater Rudolf gegründeten nationalen Magazins veröffentlicht wird, den Lesern eine ganze Reihe von Fragen auf die er offensichtlich keine Antworten sucht, weil er grundsätzlich viel lieber Antworten gibt.

Ich fühle mich aber trotzdem genötigt dem Manne zu helfen…


Herr Augstein: Ist Terror Wahnsinn?

Eine Leserin: So hat er doch Methode…

Herr Augstein:  Wann nennen wir eine Gewalttat Terror, wann nennen wir sie Amok?

Eine Leserin: Da man es im öffentlichen Diskurs ohnehin aufgegeben hat, Dinge beim Namen zu nennen und man sich die gewünschten Bezeichnungen für das Geschehen von den Presseabteilungen der Macht ins Hirn tweeten läßt, ist das nicht wirklich nicht Ihr Problem.

Herr Augstein: Aber wie soll ein Luftangriff über Syrien einen Attentäter in Nizza von seinem furchtbaren Vorhaben abhalten?

Eine Leserin: Da gibt es die verschiedensten Möglichkeiten, die man sich alle nicht wirklich vorstellen möchte. Als Zivilistin.

Herr Augstein: Und was vermögen die Befugnisse des Ausnahmezustands gegen einen bislang unauffälligen Täter, der seinen persönlichen Wahn mit einer frei verfügbaren, wirren islamistischen Ideologie verknüpft und dann mit Alltagsmitteln eine furchtbare Gewalttat verübt?

Eine Leserin: Nichts. Aber schon mal daran gedacht, das der Ausnahmezustand dazu dienen kann, die Bevölkerung besser in Schach zu halten? Man bekommt dann auch neue Arbeitsgesetzgebung recht einfach durch die Nationalversamlung. Bestimmt haben Sie auch schon einmal die Idee gehabt- Aber geschrieben, ach nein, das traut man sich dann doch nicht, weil es die Sektlaune mit den künftigen Machthabern wie der lieben Kathrin (mit der man sich nur nach der Talkhow duzt) verderben würde, und wer weiß – vielleicht braucht Deutschland ja auch bald ein bisschen Ausnahmezustand, damit man bei dem zunehmend renitenten Volk mal etwas durchregieren kann.

Herr Augstein: Ist das schon ein Sakrileg? [Anm: Als Politikerin die Polizei ohne Sachkenntnis in einem Tweet kritisieren]

Eine Leserin: Nein, das ist dumm.

Herr Augstein: Aber wie zivil sind wir noch?

Eine Leserin: Ich weiß nicht wie zivil Sie sind, denn Ihre Rhetorik hört sich schon manchmal nach einem Kombattanten an. Ich für meinen Teil kann noch zivil sein, weil andere kämpfen.

Herr Augstein: Sind wir so weit, dass man sich so wieder hören lassen kann?

Eine Leserin: Ja. So weit hat es unter anderem eine dumme, enthemmte geschichtsvergessene publizistisch-populistische Schreibe von “links” und “rechts” gebracht.

Herr Augstein: Oder redet sich Wendt darauf heraus, die Worte seien im Eifer des Gefechts gefallen – wie vielleicht jene fatalen Schüsse bei Würzburg?

Eine Leserin:  Nein. Habe ich nicht gehört. Sehr subtil ist diese hetzerische Unterstellung im Kleid einer Frage auch nicht. Siehe oben: “enthemmte publizistisch-populistische Schreibe”.

Herr Augstein: Aber sind wir stark genug, die Waffen niederzulegen? [und die “Herzen und die Köpfe” der Aufständischen zu gewinnen]

Eine Leserin: So, so – die herrschende Talkshowklasse nimmt nun also britische Geheimdienst Generäle und deren Handbücher über Counter Insurgency aus den 50ern zur Kenntnis und zitiert sie zustimmend. Da muß sich die einfache Bürgerin wohl warm anziehen. Da ich zivil bin, trage ich keine Waffen (s.o.), aber ich bin eigentlich ganz froh, dass das andere für mich tun. Nur sehr reiche Leute können es sich leisten, sich die Sicherheit selbst zu kaufen oder Zweitwohnsitze in sichern Weltgegenden vor zu halten.

FAZ: Sagt mal was wir hören wollen…

Kritik am Blatt selbst und seiner Meinungsmache mit Lesermeinungen wollte man dann doch nicht im “eignen” Leserforum hören. Verständlich – in dem Post taucht ja auch ein Link auf…

Bildschirmfoto 2016-05-03 um 14.01.47

Not fit to print

Zum FAZ Artikel hier.

FAZ: “Zulassen” von Kommentaren zur Veröffentlichung als Mittel der Manipulation

Lieber Herr Benninghoff,

schön, daß Sie anregen vom Monolog mit der Leserschaft wieder auf Dialog zu schalten. Das sollte bei der veröffentlichenden Klasse allgemein Schule machen!

Hier also mein Problem mit der Handhabung von Leserkommentaren in der FAZ: Die FAZ beschränkt sich nicht darauf, einfach unzulässige (weil beleidigend, unflätig, jenseits von Gut und Böse oder einfach “trollig”) Kommentare nicht zur Veröffentlichung zu zu lassen, sondern nutzt das inhaltliche Filtern der Leserkommentare nach genehmen und nicht nicht genehmen Standpunkten bewußt als Mittel, um der Leserschaft ein gefärbtes Meinungsbild zu suggerieren. Natürlich ist die FAZ damit nicht allein. Ich habe mir mal die Mühe gemacht, meine These mit quantitativen Daten zu belegen. Das Ergebnis finden Sie hier: http://wp.me/p4lrpC-f Ein vorbildliches Handling von Kommentaren finden sie bei anderen “Qualitätspublikationen”, an denen sich die FAZ auch sonst orientiert: z.B. NYT und Washington Post.

Hochachtungsvoll

L. Fuchs

Herr Maasens Ekel und der Humor der Niederländer

ekel

Wer verstehen will, warum Herr Maas beständig angeekelt in die Kamera schaut (und dadurch auf uns), wer verstehen will warum die SPD in Düsseldorf erfolgreicher als in Stuttgart ist und die niederrheinische SPD die niederländische PvA weit deklassiert, und wer wenigstens etwas niederländischen lesen kann, dem seien die Artikel von Rene Cuperus aus Groningen empfohlen (speziell: „Het Humeur van Nederland. Waar het om draait in de huidige politiek“).

Die These des Autors – der ein Sozialdemokrat mit dem schönen offiziellen Titel des „Parteiideologen“ – ist, daß die Spaltung nicht zwischen Oben und Unten verläuft, sondern zwischen arriviert und unarriviert. Die politischen „Eliten“ verachten das Volk. So wie in einer überdrüssigen Ehe: Sie mag nicht mehr wie das Volk spricht, sie mag nicht mehr wie das Volk denkt, wie es heute scherzt und welche Musik es heute hört. Würde sie das Volk öfter riechen können, würde sie auch das nicht mögen.
Sie hält das Volk einfach für degoutant und meint sich von dem selben isolieren zu können und zu dürfen. Die EU ist dabei das Vehikel dieser Abgrenzung (das meinte Herr Maas wohl mit seinem ungläubigen „Ach so…“ als Herr Sulík erwähnte, man müsse sich dem Volkswillen in der Demokratie beugen, wenn dieser die Abschaffung der EU fordere).

Nun ist es wirklich nicht verwerflich andere Leute nicht zu mögen oder degoutant zu finden. Verwerflich ist es aber,

  • sich dabei auf Ferdinand Lassalle zu berufen und es gleichzeitig an jeder Art von Solidarität mit den „einfache Menschen“ fehlen zu lassen.
  • Es ist verwerflich sich „Sozialdemokratische Partei Deutschlands“ zu nennen, wenn man die Idee „Deutschland“ für ein Konzept aus dem vorletzten Jahrhundert hält,
  • und es ist verwerflich wenn man all die – glänzenden und zweifelhaften – Beiträge der SPD zur nationalen (sic!) Geschichte vergisst.
  • Es ist verwerflich, den einen Menschen – hier den Migranten – als Werkzeug der Selbstaffirmation zu mißbrauchen, die anderen aber schlicht als „Pack“ zu wahr zu nehmen.

Aber da sind natürlich die Mitglieder der SPD in der Regierung Merkel nicht allein mit ihrer Gesinnungen – nur besonders Bigott sind sie und ihre permanenten Talkshow-Partner schon…

In diesem Ekel befangen versuchen sich die Eliten Europas seit Jahren das Wolkenkuckucksheim einer neuen postnationalen Identität in Brüssel zu bauen. Und daher unterstützen sie auch alles, was den alten Narrativ des Nationalstaats unterminiert. Wohl letztlich vergeblich.

Und so wird diese Geschichte wohl erst dann enden, wenn die alte Geschichte von den Nationen als Legitimation des Herrschaftsanspruchs mit der neuen noch unausgegorenen – vielleicht auf Empathie gründenden Herrschaftserzählung – kollidiert. Und man kann nur hoffen, das dieser Zusammenstoß nicht so verläuft wie die letzten Male als soziale Narrative kollidierten. Es wahren die Erzählungen von „Freiheit“, „Nation“, „Rasse“, „Gleichheit“ die uns 150 Jahre lang immer wieder zugrunde gerichtet haben.

Und sollte es dieses mal am Humor liegen, wie Cuperus meint? Wie Bitter!

Türkische Namen in böhmischen Dörfern

Der “Tagesspiegel” – eine berliner Lokalzeitung – veröffentlichte unter dem Titel: “In Tschechien gibt es kaum Erfahrung mit Kulturen des Nahen Ostens” ein Interview mit Frau Aydan Özoguz, die “Integrationsbeauftragte” der Bundesregierung ist.

Zur Person:
Frau Özoguz ist die Ehefrau des gerade – nach der von der Bevölkerung Hamburgs abgelehnten und von Ihm verantworteten Olympiabewerbung der Stadt – als Hamburger Innensenator zurückgetretenen  Politikers  Michael Neumann (SPD).
Sie trägt den Titel “Interationsbeauftragte”. Die Anführungszeichen dienen der Kenntlichmachung der unklaren Kompetenzbestimmung dieses “Amtes”. Die Gehaltsstufe und der beamtenrechtliche Rang ist der einer Staatsministerin  (ehemals “Parlamentarische Staatssekretärin” genannt).
Das Einkommen in dieser Position beträgt rund 19000,- per Monat.

Im besagtem Tagesspiegelinterview also wird Frau Özoguz zu Ihren Erfahrungen bei einem Besuch in der Tschechischen Republik befragt. Die Lektüre dieses Interviews wird empfohlen, wenn man dabei im Hinterkopf behält, daß sich während und unmittelbar nach ihrem Besuch in Prag folgendes zutrug:

  • Tschechien hat 153 christliche (die Religion war wichtig im Land der Gegenreformation) Flüchtlinge aus dem Irak aufgenommen. Sie wurden in einem Städtchen bei Jihlava (Iglau) etwa 60 Km nördlich der österreichischen Grenze) untergebracht.
  • 25 davon wollten – aus nicht weiter erläuterten Gründen – nach Deutschland oder genauer ins schöne Essen in NRW. Sie hatten sich dazu privat einen Bus gemietet und damit “rüber gemacht”.
  • In Deutschland war’s mit dem Flüchtlingsstatus natürlich dann leider Essig, als als aus Tschechien stammender Migrant.
  • Also zurück nach Tschechien…
  • Dort hat man nun durch die “Flucht” nach Deutschland, sein Aufenthaltsrecht verwirkt und der Innenminister hat seine Polizei schon angewiesen, die 25 wieder in Ihr Heimatland zu expedieren. (zu seiner bemerkenswert geschliffenen Twitter-Formulierung kommen wie weiter unten)
  • Die 25 werden am Montag nach Tschechien überstellt und dann in einem “Detentention center” (aka: Knast) auf Ihre Abschiebung warten (Siehe Photo zu diesem Post aus den tschechischen Nachrichten, CZ 2 bei Minute 2:50).

Recherche in den von ihr sonst aufmerksam bespielten sozialen Medien oder auch einfache Zeitungslektüre  (http://www.lidovky.cz/ oder http://www.idnes.cz/ oder auch http://www.lidovky.cz/nemecti-policiste-zadrzeli-autobus-s-krestanskymi-uprchliky-z-jihlavska-1rl-/zpravy-svet.aspx?c=A160403_100048_ln_zahranici_ele) hätten Frau Özoguz oder ihren Stab oder den Tagesspiegel vor dem Interview auf die Höhe der Zeit bringen können.

Auf Twitter hätte Sie dann diese warmen Willkommensworte des tschechischen Innenministers Milan Chovanec für die aus NRW zurückkehrenden Geflüchteten  lesen können:

“Ich habe die Polizei der Tschechischen Republik gebeten, alle geltenden Gesetze zur Anwendung zu bringen. Das bedeutet, daß sie für Menschen, die die Gutmütigkeit des tschechischen Volkes mißbraucht haben, in der Lage sein wird, deren Heimkehr in den Irak zu arrangieren.”

Bei etwas Sensibilität für Wortwahl und Attitüde spiegelt diese Diktion tatsächlich wieder, daß Tschechien, wie Özoguz es in Ihrem Interview überraschen hellsichtig formulierte “aufgrund seiner geschichtlichen Vergangenheit einfach andere Erfahrungen mit Einwanderung, Flüchtlingen und dem Thema Integration gemacht hat.“.

Dazu gehört – um in der zynischen Diktion des Odsun zu bleiben – die Erfahrung, wie schmerzlich es sein kann, die eigene Bevölkerung innerhalb von 5 Jahren um 3 Millionen Menschen (immerhin ein Anteil von 23% der Bewohner des Landes – davon ist Herr Assad noch weit entfernt) durch “Abschub” (tschechisch: “Odsun”) reduzieren zu müssen.

Vielleicht gehören zu den “unterschiedlichen Erfahrungen” auch die Erfahrung wie es ist, im eigenen Land vertrieben zu werden, so wie es vielen Tschechen, die in den Sudetengebieten der 1. Republik wohnten, nach den Münchener Verträgen erfuhren.

Vielleicht gehört es sogar noch zu den “unterschiedlichen Erfahrungen”, wie die “Německý ” (“die Stummen” in der Landessprache) von den an diesem Vorgang reich werdenden Prager “Lokatoren” angeworben und ins Land geholt wurden, und dann einfach nicht wieder gingen.

Vermutlich aber sind all dies nicht die Erfahrungen, die Özoguz meinte, als sie uns im Tagesspiegel empfahl “Diese unterschiedlichen Perspektiven müssen auch bei der Entwicklung von europäischen Strategien berücksichtigt werden.”. Es steht auch zu vermuten, das weder sie noch ihr Stab irgendeine Idee von dem oben gesagten hatten. Weder was die Aktualitäten der nach NRW geflüchteten Flüchtlinge noch was frühere freiwillige oder erzwungene Migrationen aus, nach und innerhalb der tschechischen Republik angeht.
Ist das viel verlangt von einer “türkischstämmigen” Bundespolitikerin? Ja klar! Aber wie mir scheinen will nicht zu viel. Denn man kann von einer “Staatsministerin” der Bundesrepublik Deutschland schon einiges an Assimilationsleistung verlangen – speziell was ihre interkulturelle Kompetenz in Sachen Zentraleuropa angeht.

Kleine Hilfe zur Eigenrecherche:
Das Wort für “Flüchtling” in der tschechischen Sprache ist “Uprchlíci” (wörtlich: “Geflüchtete”). Wer abenteuerlicher aufgelegt ist, kann auch mal nach “Utecenci”(wörtlich: “Weggelaufene”) googlen – da findet man dann die slowakischen Beiträge zum Thema… Anschließend hilft (na ja, das “hilft” sollte vielleicht auch in Anführungszeichen stehen) Google Translate bei der Desillusionierung weiter…

P.S.: Die tschechische Regierung hat das Aufnahmeprogramm für die christlichen Flüchtlinge aus dem Irak, das bisher 153 Personen in den Genuss tschechischen Asyls bracht, nach diesen enttäuschenden Erfahrungen erstmal ausgesetzt.

P.P.S.: Das Interview im Tagesspiegel weckt leider ernsthaft Zweifel an der interkulturellen Kompetenz der Interationsbeauftragten der Bundesregierung bzw. ihres Stabes. Sie scheint nicht in der Lage zu sein, andere Kulturen realistisch und vorurteilsfrei wahr zu nehmen.

 

Idomeni: Everybody counts

“Idomeni” ist auf dem Weg ein fester Topos im Meinungskampf zu werden. Es lohnt sich also, etwas Arbeit zu investieren, um festzustellen, was dort im Augenblick der Fall ist.

Es ist schwierig sich aus dem warmen Sessel ein zutreffendes Bild des Camps in Idomeni zu machen – aber dank des Internets ist es vermutlich einfacher als Vorort…

In der Regel werden nur Ausschnitte des Gebiets gezeigt.

Die besten Dohnenaufnahmen mit Totalen des Camps die ich finden konnte gibt es bei Dronemedia aus Budapest. Von dort stammt zum Beispiel dieses Bild hier:

idomeni

Idomeni Camp Totale vom 5.3.2015

Wenn wir nun sehr genau hinsehen sehen wir eine Ansammlung von Consumerzelten und einige Großzelte (um die 45 Quadratmeter).

Die ganze Sache bedeckt ein Fläche von ungefähr 35000 Quadratmetern, ist also deutlich kleiner als so mancher Campingplatz im Sauerland.

Analysieren wir das obige Photo etwas genauer:

Bildschirmfoto 2016-03-28 um 22.57.22

Nach einer visuellen Klassifikation der Strukturen komme ich zu folgendem Ergebnis.

  • 1088 Consumer Tents
  • 166 Large Consumer Tents
  • 34 Professional tents approx 45 sqm
  • 5 Busses
  • 79 other Vehicles

Es befindet sich noch eine kleiner Teil des Lager außerhalb des Bildes (unter  anderem die von MSF im September 2015 aufgebauten ersten Versorgungszelte), die wir hier jedoch der Einfachheit halber außer acht lassen. (hier kann man die fehlenden Ausschnitte gut erkennen)

Eine Abschätzung

Es wird seit Januar 2016 behauptet, in dem Lager befänden sich etwa 10000 bis 12000 Flüchtlinge. Dabei beruft sich die Presse auf eine “offizielle” Zahl der griechischen Regierung.

Tatsächlich kann die Gesamtkapazität der auf dem oben gezeigten Photo sichtbaren Zelte auf nicht mehr als 3400 bis 5400 Schlafplätze geschätzt werden.

Bildschirmfoto 2016-03-28 um 23.11.23

Basis der vorgestellten Schätzung

Der geneigte Leser möge beachten, daß die im Schätzansatz unter “max capacity” genannten Zahlen sehr hoch – um nicht zu sagen unrealistisch hoch – gewählt wurden. (30 Personen in einem 45 Quadratmeterzelt geht wohl kaum für mehr als eine Nacht..)

Da keine Spuren einer vormaligen größeren “Besiedlung” des Gebiets sichtbar sind, finden wir in diesem Aufnahmen keine Hinweise darauf, daß sich an diesem Ort jemals mehr als 6-7000 Menschen länger aufgehalten haben.

Aktuell

Da  eine erheblich Anzahl der Zelte von Helfern bzw. Aktivisten belegt sein dürften und sehr wahrscheinlich nicht alle Zelte maximal belegt sind, kann davon ausgegangen werden, daß sich zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht mehr als 2500 Flüchtlinge (vermutlich weniger) in Idomeni befanden.

Nach Aussagen der griechischen Regierung sind am Samstag 600 Menschen aus dem Lager abgereist. Es verbleiben also ungefähr 2000 Menschen dort, die keine Journalisten oder Helfer sind.

Nachtag

Der Deutschlandfunk meldete am 27.5.2016 in den Frühnachrichten (um 6:00h und um 6:30h, dann nicht mehr) folgendes:

“Das griechische Flüchtlingslager Idomeni unweit der Grenze zu Mazedonien ist vollständig geräumt worden.

Das teilte die Polizei gestern Abend mit. Innerhalb von drei Tagen seien rund 4.000 Flüchtlinge mit Bussen in andere Aufnahmezentren gebracht worden. Der Rest der ursprünglich 8.400 Migranten habe das Lager auf eigene Faust verlassen. Zugleich hieß es, die Behörden vermuteten, dass sich ein Teil der Menschen in den umliegenden Wäldern versteckt habe. Ursprünglich waren für die Räumung zehn Tage veranschlagt gewesen.”

Meinung

Das Empörende an der ständig genannten Zahl von „12000“ Flüchtlingen in Idomeni ist nicht, dass hier nicht zutreffende Zahlen angegeben werden. Es liegt mir auch fern, den Menschen die diese Zahl verbreiten die Absicht zu „Lügen“ zu unterstellen.

Das empörende ist die sich darin ausdrückende Mißachtung der „Flüchtlinge“ bei Menschen, die doch vorgeben dem Anliegen der migrierenden Menschen mit Sympathie gegenüber zu stehen: Das sich solche Helfer, Supporter, Aktivisten und auch der Staat – sei es nun der deutsche in Form seines Außenministers oder der griechische, der sie im Januar in die Welt gesetzt hat – nicht die Mühe geben, genau hin zu schauen! Ich sehe das als ein entlarvendes Zeichen dafür, das hier die Migrierenden nur als Masse dargestellt werden sollen. Daher muss man sich nicht die Mühe machen, sie genau zu erfassen, sich Ihre Namen aufzuschreiben und vielleicht Ihre individuellen Anliegen wahr zu nehmen.

Es ist scheinbar egal ob es 12000 oder mehr oder weniger sind. Hauptsache es sind „viele“ und man kann sie in Massen zum argumentativen Kanonenfutter für die eigene Meinung benutzen. Das ist der Skandal.