Der “Tagesspiegel” – eine berliner Lokalzeitung – veröffentlichte unter dem Titel: “In Tschechien gibt es kaum Erfahrung mit Kulturen des Nahen Ostens” ein Interview mit Frau Aydan Özoguz, die “Integrationsbeauftragte” der Bundesregierung ist.

Zur Person:
Frau Özoguz ist die Ehefrau des gerade – nach der von der Bevölkerung Hamburgs abgelehnten und von Ihm verantworteten Olympiabewerbung der Stadt – als Hamburger Innensenator zurückgetretenen  Politikers  Michael Neumann (SPD).
Sie trägt den Titel “Interationsbeauftragte”. Die Anführungszeichen dienen der Kenntlichmachung der unklaren Kompetenzbestimmung dieses “Amtes”. Die Gehaltsstufe und der beamtenrechtliche Rang ist der einer Staatsministerin  (ehemals “Parlamentarische Staatssekretärin” genannt).
Das Einkommen in dieser Position beträgt rund 19000,- per Monat.

Im besagtem Tagesspiegelinterview also wird Frau Özoguz zu Ihren Erfahrungen bei einem Besuch in der Tschechischen Republik befragt. Die Lektüre dieses Interviews wird empfohlen, wenn man dabei im Hinterkopf behält, daß sich während und unmittelbar nach ihrem Besuch in Prag folgendes zutrug:

  • Tschechien hat 153 christliche (die Religion war wichtig im Land der Gegenreformation) Flüchtlinge aus dem Irak aufgenommen. Sie wurden in einem Städtchen bei Jihlava (Iglau) etwa 60 Km nördlich der österreichischen Grenze) untergebracht.
  • 25 davon wollten – aus nicht weiter erläuterten Gründen – nach Deutschland oder genauer ins schöne Essen in NRW. Sie hatten sich dazu privat einen Bus gemietet und damit “rüber gemacht”.
  • In Deutschland war’s mit dem Flüchtlingsstatus natürlich dann leider Essig, als als aus Tschechien stammender Migrant.
  • Also zurück nach Tschechien…
  • Dort hat man nun durch die “Flucht” nach Deutschland, sein Aufenthaltsrecht verwirkt und der Innenminister hat seine Polizei schon angewiesen, die 25 wieder in Ihr Heimatland zu expedieren. (zu seiner bemerkenswert geschliffenen Twitter-Formulierung kommen wie weiter unten)
  • Die 25 werden am Montag nach Tschechien überstellt und dann in einem “Detentention center” (aka: Knast) auf Ihre Abschiebung warten (Siehe Photo zu diesem Post aus den tschechischen Nachrichten, CZ 2 bei Minute 2:50).

Recherche in den von ihr sonst aufmerksam bespielten sozialen Medien oder auch einfache Zeitungslektüre  (http://www.lidovky.cz/ oder http://www.idnes.cz/ oder auch http://www.lidovky.cz/nemecti-policiste-zadrzeli-autobus-s-krestanskymi-uprchliky-z-jihlavska-1rl-/zpravy-svet.aspx?c=A160403_100048_ln_zahranici_ele) hätten Frau Özoguz oder ihren Stab oder den Tagesspiegel vor dem Interview auf die Höhe der Zeit bringen können.

Auf Twitter hätte Sie dann diese warmen Willkommensworte des tschechischen Innenministers Milan Chovanec für die aus NRW zurückkehrenden Geflüchteten  lesen können:

“Ich habe die Polizei der Tschechischen Republik gebeten, alle geltenden Gesetze zur Anwendung zu bringen. Das bedeutet, daß sie für Menschen, die die Gutmütigkeit des tschechischen Volkes mißbraucht haben, in der Lage sein wird, deren Heimkehr in den Irak zu arrangieren.”

Bei etwas Sensibilität für Wortwahl und Attitüde spiegelt diese Diktion tatsächlich wieder, daß Tschechien, wie Özoguz es in Ihrem Interview überraschen hellsichtig formulierte “aufgrund seiner geschichtlichen Vergangenheit einfach andere Erfahrungen mit Einwanderung, Flüchtlingen und dem Thema Integration gemacht hat.“.

Dazu gehört – um in der zynischen Diktion des Odsun zu bleiben – die Erfahrung, wie schmerzlich es sein kann, die eigene Bevölkerung innerhalb von 5 Jahren um 3 Millionen Menschen (immerhin ein Anteil von 23% der Bewohner des Landes – davon ist Herr Assad noch weit entfernt) durch “Abschub” (tschechisch: “Odsun”) reduzieren zu müssen.

Vielleicht gehören zu den “unterschiedlichen Erfahrungen” auch die Erfahrung wie es ist, im eigenen Land vertrieben zu werden, so wie es vielen Tschechen, die in den Sudetengebieten der 1. Republik wohnten, nach den Münchener Verträgen erfuhren.

Vielleicht gehört es sogar noch zu den “unterschiedlichen Erfahrungen”, wie die “Německý ” (“die Stummen” in der Landessprache) von den an diesem Vorgang reich werdenden Prager “Lokatoren” angeworben und ins Land geholt wurden, und dann einfach nicht wieder gingen.

Vermutlich aber sind all dies nicht die Erfahrungen, die Özoguz meinte, als sie uns im Tagesspiegel empfahl “Diese unterschiedlichen Perspektiven müssen auch bei der Entwicklung von europäischen Strategien berücksichtigt werden.”. Es steht auch zu vermuten, das weder sie noch ihr Stab irgendeine Idee von dem oben gesagten hatten. Weder was die Aktualitäten der nach NRW geflüchteten Flüchtlinge noch was frühere freiwillige oder erzwungene Migrationen aus, nach und innerhalb der tschechischen Republik angeht.
Ist das viel verlangt von einer “türkischstämmigen” Bundespolitikerin? Ja klar! Aber wie mir scheinen will nicht zu viel. Denn man kann von einer “Staatsministerin” der Bundesrepublik Deutschland schon einiges an Assimilationsleistung verlangen – speziell was ihre interkulturelle Kompetenz in Sachen Zentraleuropa angeht.

Kleine Hilfe zur Eigenrecherche:
Das Wort für “Flüchtling” in der tschechischen Sprache ist “Uprchlíci” (wörtlich: “Geflüchtete”). Wer abenteuerlicher aufgelegt ist, kann auch mal nach “Utecenci”(wörtlich: “Weggelaufene”) googlen – da findet man dann die slowakischen Beiträge zum Thema… Anschließend hilft (na ja, das “hilft” sollte vielleicht auch in Anführungszeichen stehen) Google Translate bei der Desillusionierung weiter…

P.S.: Die tschechische Regierung hat das Aufnahmeprogramm für die christlichen Flüchtlinge aus dem Irak, das bisher 153 Personen in den Genuss tschechischen Asyls bracht, nach diesen enttäuschenden Erfahrungen erstmal ausgesetzt.

P.P.S.: Das Interview im Tagesspiegel weckt leider ernsthaft Zweifel an der interkulturellen Kompetenz der Interationsbeauftragten der Bundesregierung bzw. ihres Stabes. Sie scheint nicht in der Lage zu sein, andere Kulturen realistisch und vorurteilsfrei wahr zu nehmen.

 

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