Sascha Lobo schreibt Programmieren lernen hilft nicht

Die Bildung der Eliten hat sich immer an einem einzigen Leitbild orientiert: Der Einheit der Wissenschaften und Künste. Daher wird man es an den elitären Einrichtungen der Bildung weiter verstehen neue Entwicklungen wie die angewandte diskrete Mathematik (aka Informatik) in den existierenden Fächer- und Themenkanon einzubetten. Es wäre vielleicht angebracht, die entsprechenden Fächer (Mathematik, Deutsch, Physik, Geschichte), die auf die Nutzung der formalen und natürlich-sprachlichen Systeme am besten vorbereiten, deutlich auszuweiten und obsolete Investitionen von wertvoller Lernzeit in alle möglichen Fremdsprachen (Französisch! Chinesisch! Spanisch! Arabisch! etc. etc.) neu zu justieren, aber im Prinzip bleibt es alles bei der normalen “Kanon-Überarbeitung” der Bildungseliten, die ein dauerhafter und anhaltender Prozeß ist.

Auch hier wird das gute 500 Jahre alte “Ad fontes” erfolgreich sein, in dem man die Schüler den kulturellen Entdeckungsprozess in einem individuellen Bildungsprozess nachvollziehen lässt. Die Quellen sind vielfältig und interessant (Euklid, Lovelance, Leibnitz, Bayes (-> Google!), Turing, von Neumann, Wiener etc. etc.). Und das interessante: Das wird sogar schon getan! An öffentlich finanzierten Schulen – Die allerdings die Freiheit bekommen, die Schüler selbst auszuwählen die Stundentafel in der o.g. Richtung zu verschieben.

Das man gleichzeitig die Nicht-Elite mit anwendungsorientierter “Schulung” statt mit Bildung abspeist, entspricht ja dem traditionellen Programm der “Bildungspolitik”, die selbst nur existiert, um diese soziale Differenzierung aufrecht zu erhalten und dies seit Jahrhunderten selbst nicht begreifen will. Zumal Ihre Akteure heute ja selber schon das Produkt ideologisch ähnlich verknappter Schulungsgänge in den 70er Jahren sind, was unter anderem die mangelnde Kritikfähigkeit der Öffentlichkeit in den letzten Jahren erklärt.

Also lieber Sascha: “Programmieren lernen” und “Informatik lernen” ist so wie der Unterschied zwischen “Bewerbungsanschreiben formulieren” und “Bewerber selektieren”. Das weißt Du ja eigentlich auch. Warum also schreibst Du es dann nicht?

Wenn dagegen Frau Merkel das “Programmieren lernen” für das Volk fordert, kann man daraus zwei mögliche Schlüsse ableiten: (1) Ihre Intelligenz und Problemanalyse werden überschätzt oder (2) Sie möchte gerne das Programm der sozialen Segregation, das in der Gesamtschule (a.k.a.: Volksschule 2.0) seinen besten Ausdruck gefunden hat, gerne auch im 21. Jahrhundert weiterführen.

Ich denke beides trifft zu.

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