“Idomeni” ist auf dem Weg ein fester Topos im Meinungskampf zu werden. Es lohnt sich also, etwas Arbeit zu investieren, um festzustellen, was dort im Augenblick der Fall ist.

Es ist schwierig sich aus dem warmen Sessel ein zutreffendes Bild des Camps in Idomeni zu machen – aber dank des Internets ist es vermutlich einfacher als Vorort…

In der Regel werden nur Ausschnitte des Gebiets gezeigt.

Die besten Dohnenaufnahmen mit Totalen des Camps die ich finden konnte gibt es bei Dronemedia aus Budapest. Von dort stammt zum Beispiel dieses Bild hier:

idomeni

Idomeni Camp Totale vom 5.3.2015

Wenn wir nun sehr genau hinsehen sehen wir eine Ansammlung von Consumerzelten und einige Großzelte (um die 45 Quadratmeter).

Die ganze Sache bedeckt ein Fläche von ungefähr 35000 Quadratmetern, ist also deutlich kleiner als so mancher Campingplatz im Sauerland.

Analysieren wir das obige Photo etwas genauer:

Bildschirmfoto 2016-03-28 um 22.57.22

Nach einer visuellen Klassifikation der Strukturen komme ich zu folgendem Ergebnis.

  • 1088 Consumer Tents
  • 166 Large Consumer Tents
  • 34 Professional tents approx 45 sqm
  • 5 Busses
  • 79 other Vehicles

Es befindet sich noch eine kleiner Teil des Lager außerhalb des Bildes (unter  anderem die von MSF im September 2015 aufgebauten ersten Versorgungszelte), die wir hier jedoch der Einfachheit halber außer acht lassen. (hier kann man die fehlenden Ausschnitte gut erkennen)

Eine Abschätzung

Es wird seit Januar 2016 behauptet, in dem Lager befänden sich etwa 10000 bis 12000 Flüchtlinge. Dabei beruft sich die Presse auf eine “offizielle” Zahl der griechischen Regierung.

Tatsächlich kann die Gesamtkapazität der auf dem oben gezeigten Photo sichtbaren Zelte auf nicht mehr als 3400 bis 5400 Schlafplätze geschätzt werden.

Bildschirmfoto 2016-03-28 um 23.11.23

Basis der vorgestellten Schätzung

Der geneigte Leser möge beachten, daß die im Schätzansatz unter “max capacity” genannten Zahlen sehr hoch – um nicht zu sagen unrealistisch hoch – gewählt wurden. (30 Personen in einem 45 Quadratmeterzelt geht wohl kaum für mehr als eine Nacht..)

Da keine Spuren einer vormaligen größeren “Besiedlung” des Gebiets sichtbar sind, finden wir in diesem Aufnahmen keine Hinweise darauf, daß sich an diesem Ort jemals mehr als 6-7000 Menschen länger aufgehalten haben.

Aktuell

Da  eine erheblich Anzahl der Zelte von Helfern bzw. Aktivisten belegt sein dürften und sehr wahrscheinlich nicht alle Zelte maximal belegt sind, kann davon ausgegangen werden, daß sich zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht mehr als 2500 Flüchtlinge (vermutlich weniger) in Idomeni befanden.

Nach Aussagen der griechischen Regierung sind am Samstag 600 Menschen aus dem Lager abgereist. Es verbleiben also ungefähr 2000 Menschen dort, die keine Journalisten oder Helfer sind.

Nachtag

Der Deutschlandfunk meldete am 27.5.2016 in den Frühnachrichten (um 6:00h und um 6:30h, dann nicht mehr) folgendes:

“Das griechische Flüchtlingslager Idomeni unweit der Grenze zu Mazedonien ist vollständig geräumt worden.

Das teilte die Polizei gestern Abend mit. Innerhalb von drei Tagen seien rund 4.000 Flüchtlinge mit Bussen in andere Aufnahmezentren gebracht worden. Der Rest der ursprünglich 8.400 Migranten habe das Lager auf eigene Faust verlassen. Zugleich hieß es, die Behörden vermuteten, dass sich ein Teil der Menschen in den umliegenden Wäldern versteckt habe. Ursprünglich waren für die Räumung zehn Tage veranschlagt gewesen.”

Meinung

Das Empörende an der ständig genannten Zahl von „12000“ Flüchtlingen in Idomeni ist nicht, dass hier nicht zutreffende Zahlen angegeben werden. Es liegt mir auch fern, den Menschen die diese Zahl verbreiten die Absicht zu „Lügen“ zu unterstellen.

Das empörende ist die sich darin ausdrückende Mißachtung der „Flüchtlinge“ bei Menschen, die doch vorgeben dem Anliegen der migrierenden Menschen mit Sympathie gegenüber zu stehen: Das sich solche Helfer, Supporter, Aktivisten und auch der Staat – sei es nun der deutsche in Form seines Außenministers oder der griechische, der sie im Januar in die Welt gesetzt hat – nicht die Mühe geben, genau hin zu schauen! Ich sehe das als ein entlarvendes Zeichen dafür, das hier die Migrierenden nur als Masse dargestellt werden sollen. Daher muss man sich nicht die Mühe machen, sie genau zu erfassen, sich Ihre Namen aufzuschreiben und vielleicht Ihre individuellen Anliegen wahr zu nehmen.

Es ist scheinbar egal ob es 12000 oder mehr oder weniger sind. Hauptsache es sind „viele“ und man kann sie in Massen zum argumentativen Kanonenfutter für die eigene Meinung benutzen. Das ist der Skandal.

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